»Integriertes Rheinprogramm« Experten zeigen in Freistett Pläne für Hochwasserschutz

16.06.2018

Auf reges Interesse stieß am Donnerstag die Infoveranstaltung »Integriertes Rheinprogramm« des Regierungspräsidiums Freiburg in der Stadthalle. Dabei geht es um den geplanten Hochwasserrückhalteraum Freistett/Rheinau/Kehl.

»Mit dem Ziel, Hochwasserschutz für die Rheinanlieger herzustellen, sieht das Integrierte Rheinprogramm schon seit vielen Jahren den Betrieb von mehreren Hochwasserrückhalteräumen vor. Einer soll nun auch bei uns entstehen.« Mit diesen Worten begrüßte Bürgermeister Michael Welsche die Gäste. Das Regierungspräsidium Freiburg wolle nicht nur Planungsentwürfe zeigen, sondern auch frühzeitig das Wissen, die Anregungen und Wünsche der Anlieger in den Planungsprozess mit einbringen. Baubürgermeister Harald Krapp aus Kehl berichtete über die überwiegend guten Erfahrungen in Kehl.

Frühes Stadium

»Wir sind in einem sehr, sehr frühen Stadium der Planung«, betonte Referatsleiter Harald Klumpp. Ziel sei eine bessere Planung durch die frühe Beteiligung. Mit weiteren Themenabenden soll es einen kontinuierlichen Abstimmungsprozess geben. Heute sind in Baden-Württemberg die Rückhalteräume Kulturwehr Kehl/Straßburg, Polder Altenheim, Söllingen/Greffern, Rheinschanzinsel und Teile von Weil-Breisach verfügbar. Damit werden bereits 45 Prozent des Rückhaltevolumens bereitgestellt. Mit den Maßnahmen auf französischer Seite kann unterhalb der Staustufe Iffezheim ein Schutz vor einem statistisch alle 120 bis 150 Jahre vorkommenden Hochwasserereignis sichergestellt werden. Der Polder Altenheim und das Kulturwehr Kehl sind seit über 30 Jahren im Betrieb und haben schon fünf Hochwasser abgearbeitet.

Die ersten konzeptionellen Planungen stellte Projektleiter Stefan Martin vor. Die drei Deichlinien, die bereits von Gottfried Tulla konzipiert wurden, weisen markante Lücken auf, um die aus dem Binnenland zufließende Gewässer auch bei Hochwasser abzuleiten, und waren gleichzeitig so klug geplant, dass die damals regelmäßigen Hochwasser nicht über diese Breschen hinausgingen. Zur Reaktivierung der ehemaligen Überflutungsfläche sollen die vorhandenen Anlagen genutzt, saniert und ergänzt werden.

Breitflächig verteilen

Ein Einlassbauwerk bei Leutesheim soll das Wasser breitflächig in den Raum leiten, 14 zu ertüchtigende Regelungsbauwerke sorgen für die Durchströmung des ganzen Raums sowie im Abschlussdamm ein Auslassbauwerk, um das Wasser dosiert den Rhein zurückzugeben. Dabei wird das Wasser über den durchgehenden Altrheinzug durch das angrenzende Überschwemmungsgebiet bis zur Mündung in den Rhein nördlich des Kiessees Peterhafen fließen. Erforderlich werden neben einer Gewässerüberleitung auf der Höhe von Honau zwei Pumpwerke bei Leutesheim und Diersheim sein.

Drei Varianten

Der Rückhalteraum kann nach Fertigstellung mindestens neun Millionen Kubikmeter Hochwasser aufzunehmen. Dabei würde das Wasser bei der »großen Lösung« mit 650 Hektar durch sechs Teilräume fließen. Bei der »mittleren Lösung« mit 475 Hektar wären es vier und das Einlassbauwerk würde nördlich des Hafens Honau liegen. Der Unterschied liegt in der Einstautiefe, die durchschnittlich 2,5 Meter nicht überschreiten darf, sowie in kleineren angrenzenden Flächen, die bei der »mittleren Lösung« mitgenutzt werden müssten. »Welche Lösung weiter verfolgt wird, hängt von den laufenden Umwelterhebungen, den technischen Planungen und der Betroffenheit ab«, erklärte Martin. Das Ziel sei ein für die Umgebung sicheren, im Hochwasserschutz wirksamen und hinsichtlich der Flächeninanspruchnahme, Eingriffe und Kosten effizienten Hochwasserraum zu schaffen, schloss er.

AUS: Kehler Zeitung vom 16.06.2018
VON: Ellen Matzat

Welche Veränderungen kommen auf das Hanauerland mit Blick auf das integrierte Rheinprogramm zu? Um diese Frage ging es am Donnerstag in der Stadthalle in Freistett beim vom RP Freiburg organisierten Infoabend.
Welche Veränderungen kommen auf das Hanauerland mit Blick auf das integrierte Rheinprogramm zu? Um diese Frage ging es am Donnerstag in der Stadthalle in Freistett beim vom RP Freiburg organisierten Infoabend.

Hintergrund - Verändertes Flussbett

1828 war der Rhein ein weit verzweigtes, breites Netz. Mit Tulla wurde eine Vielzahl der Flussarme in einem rund 200 Meter breiten Bett zusammengefasst, die Überflutungsfläche wurde auf eine Breite von zwei Kilometer innerhalb der Tulladämme reduziert. Es folgte der moderne Oberrheinausbau.

Die Dämme wurden erhöht, der komplette Rhein in einen Flußschlauch eingezwängt und die Auen abgeschnitten. Das Kraftwerk in Gambsheim wurde 1974 fertiggestellt, so dass die Rheinstrecke zwischen Kehl und Freistett bis Anfang der 70er Jahre bei einem Rheinhochwasser auf natürliche Weise überflutet wurde. Während sich die Hochwassersicherheit südlich von Iffezheim erhöhte, verschlechterte sie sich nördlich von Iffezheim deutlich.

Um die gleiche Hochwassersicherheit wie vor dem Rheinausbau zu bekommen, muss die Hochwasserspitze in Maxau um 700 Kubikmeter pro Sekunde reduziert werden.

Stichwort - Zum Programm

Das »Integrierte Rheinprogramm« (IRP) ist ein Konzept des Landes, mit dem umweltverträglicher Hochwasser-schutz erreicht und die Auen renaturiert werden sollen. Es sieht 13 Rückhaltebecken auf der baden-württembergischen Rheinseite mit einer Fläche von 70 Quadratkilometern mit einem Volumen von 167,3 Millionen Kubikmeter vor.

Insgesamt wird ein Rückhaltevolumen von 273 Millionen Kubikmetern auf 94 Quadratkilometern für den Hochwasserschutz reaktiviert. Damit sich in den Rückhalteräumen die Lebensräume an diese Flutungen anpassen können, sollen es regelmäßig ökologische Flutungen geben.

Am Rande - Info-Stände

Die Top-Themen an den sieben Infoständen, bei denen mit den Fachleuten diskutiert wurde, waren das Tanklager in Honau, Kieswerke, Landwirtschaft sowie andere Betroffene, Altlasten, Müll, Wärmepumpen, Entschädigungen für Fischbesatz, Instandsetzung der Wege und wie oft die EDF-Straße als Ausgleichstrecke für LKW überflutet wäre.

Referatsleiter Harald Klumpp zog ein positives Fazit. Geplant ist 2020 ins Planfeststellungsverfahren zu gehen und 2028 die Baumaßnahmen abzuschließen. Für den Rückhalteraum Freistett/Rheinau/Kehl werden 111 Millionen sowie für das komplette IRP 1,47 Milliarden Euro Kosten geschätzt.

 
 

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