Interview mit Sanja Tömmes

16.04.2019

Sanja Tömmes will nicht nur als Auenheimer Ortsvorsteherin wiedergewählt werden, sondern ist auch Spitzenkandidatin der Freien Wähler für den Kreistag.

Sie strebt zudem einen Platz im Kehler Gemeinderat an. Ihre Chancen für alle drei Ämter stehen gut. Die KEHLER ZEITUNG hat bei der 45-jährigen Kommunalpolitikerin nachgehakt, wie es um die Streitkultur im Auenheimer Ortschaftsrat steht, wie ihr Verhältnis zur Presse ist und wie sich ihre Erfahrungen als Jugendliche auf ihre Persönlichkeit ausgewirkt haben.

Nach der Kommunalwahl 2014 haben Sie Ihrem Vorgänger Werner Müll vorgeworfen, die Geschicke des Dorfes im Alleingang gelenkt zu haben. Hand auf’s Herz: Wie viel ist von Ihrem eigenen Vorsatz, die Ortschaftsräte mehr in die politische Arbeit einzubinden, übrig geblieben?

SANJA TÖMMES: Alles. Die Ortschaftsräte sind immer eingebunden. Sie bekommen regelmäßig E-Mails von mir. Für manch einen ist das sogar zu viel, wurde mir schon gesagt (lacht). Die Ortschaftsräte wissen immer, wo ich bin. Manchmal bestehe ich auch darauf, dass sie mich auf Terminen begleiten. Wie zum Beispiel letzte Woche bei den Badischen Stahlwerken, da waren auch zwei Ortschaftsräte dabei.

Einer Ihrer „Verbündeten“ kam mit Ihrem Führungsstil überhaupt nicht klar und hat sich massiv gegen Sie gewendet. Wie ausgeprägt sind Ihre Fähigkeiten zum Brückenbauen?

TÖMMES: Für mich heißt Brückenbauen immer Dialog. Viele Gespräche führen. Das habe ich alles getan. Und wenn das nicht fruchtet und die Sache einfach nur eine persönliche Geschichte gegen mich ist, dann hat man auch mit Gesprächen keine Chance. Neun Räte sind mit meinem Führungsstil aber ganz gut klargekommen.

Die Streitkultur im Ortschaftsrat hat, seitdem Sie die Chefin sind, merklich nachgelassen. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

TÖMMES: Es ist tatsächlich so, dass wir sehr wenig streiten. Ich verschicke Informationen zu den Sitzungsthemen immer vorab, so können sich alle in die Themen einlesen und vorbereiten. Teilweise arbeite ich die Sitzungsunterlagen auch vorher auf, sodass die Ortschaftsräte zum Beispiel nicht ein hundert Seiten langes Mobilitätkonzept lesen müssen, was ja immer sehr kompliziert geschrieben ist. Von mir bekommen sie eine verständliche, kurze Version. Bei der Lkw-Konzeption habe ich mich beispielsweise eine Woche lang eingearbeitet und diese Fachsprache auf ein Niveau runtergebrochen, das der Bürger leicht versteht. Streiten tun wir uns übrigens trotzdem manchmal, aber es ist nicht so, dass wir aufeinander losgehen. Es gibt unterschiedliche Meinungen zu den Themen, aber für mich ist das kein Streit, sondern eine Diskussion. Und die lasse ich auch zu. Ich habe es anderswo schon erlebt, dass die Fraktionsvorsitzenden ellenlange Reden halten. Das ist für mich keine Diskussion, das sind Monologe.

In den sozialen Medien wettern Sie manchmal recht scharf gegen die Journaille. Wäre Ihnen eine Medienlandschaft ohne kritische Hinterfrager lieber?

TÖMMES: Nein, das wäre es nicht. Ich finde, das gehört dazu. Nur die Art, wie die Dinge manchmal dargestellt werden, entspricht nicht dem, wie sie in Wirklichkeit waren. Ein ganz konkretes Beispiel: Im Gemeinderat ging es mal um einen Hubsteiger, da haben wir zwei Minuten drüber gesprochen, weil ich nicht gut fand, dass Herr Krapp den eigenmächtig aus dem Haushalt gestrichen hat.

Sanja Tömmes, seit 2014 Auenheimer Ortsvorsteherin und jetzt Spitzenkandidatin der Freien Wähler für den Kreistag, hat ihre Berufung in der Kommunalpolitik gefunden.
Sanja Tömmes, seit 2014 Auenheimer Ortsvorsteherin und jetzt Spitzenkandidatin der Freien Wähler für den Kreistag, hat ihre Berufung in der Kommunalpolitik gefunden.

Und dann war drei Tage später ein Blitz-und-Donner-Bild von mir und Herrn Krapp in der Zeitung. Das war echt übertrieben. Und so etwas kritisiere ich. Genauso manche Überschriften. „Tömmes kritisiert OB“ hieß es da mal nach einer Bürgerversammlung. Diese Überschrift hat überhaupt nicht zum Text gepasst. Und das ärgert mich, weil manche Menschen nur die Überschriften lesen und sich dann ihre Meinung bilden. Im Übrigen ist das Verhältnis zwischen dem OB und mir nicht so schlecht, wie es dargestellt wird. Wir haben durchaus auch mal unterschiedliche Meinungen, aber menschlich verstehen wir uns gut.

Als Sie 14 Jahre alt waren, wurden Sie in der Schule gemobbt. Inwieweit haben sich diese Erfahrungen auf Ihre Persönlichkeit ausgewirkt? Haben Sie ein dickeres Fell als andere?

TÖMMES: Ja, in der Zeit damals ist auch mein Vater gestorben. Das waren beides sehr prägende Erlebnisse und die haben mich natürlich auch geformt. Gemobbt wurde ich, weil ich das einzige Mädchen in der Klasse war. Die Jungs haben mich während des Unterrichts mit Kreide beworfen, und vorne der Lehrer hat nichts dagegen unternommen. Deswegen ist der Gerechtigkeitssinn bei mir auch sehr ausgeprägt. Vielleicht stärker als bei anderen, eben weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass jemand da ist, der eingreifen könnte, es aber nicht tut. Deshalb bin ich jemand, der sich immer sehr einsetzt, auch für Schwächere. Ich stell mich auch dazwischen und gehöre wahrscheinlich zu denjenigen, die sich zwischen zwei Streithähne schmeißen würden, um dann auch noch selber angegriffen zu werden.

Am 26. Mai sind nicht nur Kommunalwahlen, sondern auch Europawahlen. Was meinen Sie, brauchen wir mehr oder weniger Europa?

TÖMMES: Wir brauchen Europa. Aber es wird nicht funktionieren, die EU so zu belassen, wie sie ist. Das merken wir aktuell beim Brexit. Es gibt Länder, die nicht in der EU sein wollen, die aber gerne Europa sein möchten. Und da müssen wir etwas tun. Die EU ist wie ein Baum, der wächst und wächst, aber keiner schneidet ihn. Und irgendwann kann er auch nicht mehr weiterwachsen, weil man nicht das tut, was man muss – nämlich mal Äste schneiden, also Dinge entfernen, die nicht gut sind. Wir haben noch 28 Mitgliedsstaaten, die alle gleichberechtigt mitbestimmen dürfen, wie die EU sein soll. Natürlich geht es Deutschland viel besser in der EU als anderen Staaten. Vielen mag das nicht bewusst ein, aber wir stehen auf der Gewinnerseite. Aber es gibt einfach viele Länder, die nicht davon profitieren. Und deren Sorgen und Ängste muss man ernst nehmen, sonst ist zu befürchten, dass der Ausstritt Großbritanniens nicht der letzte Austritt aus der EU bleiben wird. Und das macht mir Sorge.


Bericht & Bild: Antje Ritzert

 
 

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