Kehler Schwimmbad-Skandal bleibt möglicherweise ohne Folgen

29.03.2020

Die Verbindung des Auenheimer Freibads zum Regenwasserkanal ist gekappt. Die Fischerzunft könnte aufatmen. Tut sie aber nicht, denn für sie fängt das Drama jetzt erst richtig an.

Was die Fischerzunft Auenheim schon seit vielen Jahren vermutet hatte, war vor einigen Wochen beunruhigende Gewissheit geworden: Über viele Jahre hinweg wurde das Chlorwasser aus der gesamten Beckenlandschaft des Auenheimer Freibads in den Prestelsee gespült – und mit dem Wasser auch Farbreste und Reinigungsmittel. „Immer im Frühjahr oder Sommer, wenn die schöne Jahreszeit anfängt, kommen hier Farbklekse angeschwemmt“, hatte sich Pierre Rosenfelder vergangenes Jahr an die Kehler Zeitung gewandt. Der Vorsitzende der Fischerzunft bat damals die Auenheimer Bürger um Mithilfe bei der Suche nach dem Verursacher der Verunreinigungen, die regelmäßig über den verdolten Wasserzulauf in das Pachtgewässer des Vereins geschwemmt wurden.

Laut eines Experten, den die Fischerzunft beauftragt hatte, handelte es sich bei den Verunreinigungen um „mehrfarbige Reste, die von Schwimmbecken-Beschichtungen oder Anstrichen von Nassbehältern stammen“. „Unser erster Gedanke war natürlich das Freibad“, erinnert sich Rosenfelder. „Aber von Seiten der Stadt hatte man das vehement ausgeschlossen.“ Zu Unrecht, wie sich nun herausgestellt hat (wir berichteten). Seit dem Bau des Bads vor 45 Jahren war die gesamte Beckenlandschaft an den Regenwasserstrang angeschlossen – und das war kein Anschlussfehler, sondern genau so geplant.
Dass diese Verbindung nun gekappt ist, darüber ist Rosenfelder mächtig froh. Allerdings ist das Thema für die Fischerzunft damit längst noch nicht abgeschlossen. 2013 war das Gewässer kurz vorm „Umkippen“. Diesen Ausdruck benutzen Fachleute, wenn sich die Algenmasse in einem See – etwa aufgrund eines zu hohen Nährstoffgehalts – so massiv vermehrt, dass sie dem Gewässer allen Sauerstoff entzieht, sodass die Fische sterben. Der Verein sah keinen anderen Ausweg, als eine Umwälzpumpe im See zu installieren, die sauerstoffreiches Wasser von der Oberfläche in tiefere Lagen fördert, um so das Gewässer zu retten.

Die Anlage hat 32 000 Euro gekostet. Eine Hälfte davon hat die Stadt Kehl getragen, die andere der Verein. Für die Stromkosten kommen die Fischer auf. Und auch für die Folgekosten der Investition: „Mittlerweile sind die ersten zwei Motoren kaputtgegangen, die wir ersetzt haben. Die haben jeweils 1200 Euro gekostet“, berichtet Rosenfelder. Die Fischerzunft hat nach Bekanntwerden des Abwasser-Skandals Strafanzeige gegen die Stadt Kehl erstattet. Die Offenburger Staatsanwaltschaft ermittelt.

Von einer Schadenersatzklage hat der Verein bisher aber abgesehen. Rosenfelder malt sich wenig Erfolgschancen aus: „Wir müssten der Stadt nachweisen, dass durch den ganzen Einfluss von Chlor und so weiter der See Schaden genommen hat“, sagt er. Tote Fische habe es noch nie gegeben. „Ein Schaden im eigentlichen Sinn liegt also nicht vor. Außer die riesengroße Umweltverschmutzung.“ Ihm bleibe jetzt erstmal nichts anderes übrig, als die Ergebnisse des Gutachtens abzuwarten, das die Stadt in Auftrag gegeben hat.

Was genau das Gutachten klären soll, darüber hält sich die Stadt bedeckt. Auf Anfrage der Kehler Zeitung heißt es lediglich, dass man Anfang April mit einem Ergebnis rechnet und dann unverzüglich die Öffentlichkeit informieren will.  Almut Gerhardt, Limnologin und Mitglied des Bundesfachausschusses für Ökotoxikologie und Umweltchemie beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), geht davon aus, dass sich die schwer abbaubaren Stoffe aus dem Abwasser über die Jahre im Sediment des Sees angereichert haben. „Aus dem können jederzeit toxische Stoffe rückgelöst werden“, sagt sie. Wichtig sei, dass man bei einem gründlichen Gutachten sowohl Wasser und Sedimente als auch Fische auf die verschiedenen Stoffe hin untersucht. Im Jahr 2013 hatte die Stadt schon einmal ein Gewässer-Gutachten in Auftrag gegeben, bevor die Fischerzunft die Umwälzpumpe installiert hatte. Für Rosenfelder steht fest, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem jahrelangen Eintrag des Abwassers und dem geringen Sauerstoffgehalt im See gibt. „Durch die ganzen Reinigungsmittel, die in den See geleitet wurden, sind ja auch Phosphate reingekommen“, sagt er. „Und deren Nebenwirkung ist es, den Sauerstoff aufzubrauchen.“ Das Abwasser habe somit auf jeden Fall dazu beigetragen, dass der Sauerstoffgehalt im Prestelsee gesunken ist. 

Vor sieben Jahren hat die Auenheimer Fischerzunft im Prestelsee eine Umwälzpumpe installiert, die – wie hier auf dem Foto zu sehen – auch gern von Kormoranen als Aussichtsplattform genutzt wird. Der Verein macht sich wenig Hoffnung, nach dem Schwimmbad-Skandal Schadenersatz von der Stadt zu erhalten. © Antje Ritzert
Vor sieben Jahren hat die Auenheimer Fischerzunft im Prestelsee eine Umwälzpumpe installiert, die – wie hier auf dem Foto zu sehen – auch gern von Kormoranen als Aussichtsplattform genutzt wird. Der Verein macht sich wenig Hoffnung, nach dem Schwimmbad-Skandal Schadenersatz von der Stadt zu erhalten. © Antje Ritzert

So gesehen hat sich die Fischerzunft mit dem Einsatz der Umwälzpumpe ein Eigentor geschossen. Wenn in dem Gutachten von 2020 nämlich herauskommen sollte, dass sich die Qualität des Wassers gegenüber 2013 sogar verbessert hat, gibt es für eine Schadenersatzforderung keine Basis. „Das weiß die Stadt auch“, sagt Rosenfelder.

Eigentlich hätte der Prestelsee erst umkippen müssen, damit man die Stadt hätte greifen können, spekuliert er. „Und so kommt man wieder davon, dass man 45 Jahre lang Dreckwasser in den See geleitet hat. Das ist das Traurige an der Geschichte.“

Hintergrund

Oberflächenwasser aus Gewerbegebiet als weitere Baustelle

Nicht nur das Abwasser aus dem Freibad belastet den Prestelsee, auch das Oberflächenwasser aus dem Industriegebiet kommt zum Teil im Pachtgewässer der Auenheimer Fischerzunft an. Im Fohlen­weid­graben, der in den Prestelsee mündet, sammelt sich etwa zwei Drittel des Regenwassers aus dem Gewerbegebiet Auenheim-Süd. Das restliche Drittel läuft zuvor über ein Absetzbecken. Der Überlauf, also alle Schmutzpartikel, die sich nicht absetzen, werden ebenfalls in den Fohlenweidgraben geleitet. „Das ist nach dem Schwimmbad unsere zweite Baustelle“, sagt Pierre Rosenfelder, Vorsitzender der Fischerzunft. 

Mit dem Regenwasser kommt nämlich nicht nur frisches Wasser im Fohlen­weidgraben an, sondern auch Öl, Reifenabrieb und andere schädliche Stoffe, die sich auf den versiegelten Flächen im Industriegebiet ansammeln. Schon seit vielen Jahren kämpft die Fischerzunft für eine Lösung dieses Problems. Ein Gutachten von 2013 belegt allerdings, dass von dem Oberflächenwasser aus dem Gewerbegebiet nur ein sehr geringer Teil beim Prestelsee ankommt. Der Großteil versickert auf dem Weg dahin. 

Die Bemühungen des Auenheimer Ortschaftsrates, die Belastung des Grabens anhand von Probenuntersuchungen festzustellen, liefen bisher ins Leere. Die Stadt Kehl sieht keinen Anlass für einen Probennahme, und auch das Landratsamt wird erst aktiv, wenn ein begründeter Anfangsverdacht vorliegt.

aus: bo.de
von: Antje Ritzert

 
 

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